Ich muss dir was sagen

Liebe Bianca!

So gerne möchte ich dir etwas sagen.

Wir hatten es eigentlich sehr leicht.

Ich habe gerade meine Unabhängigkeit in einer kleinen Altbau-Wohnung in Wien gelebt, als wir uns in der Arbeit kennen gelernt haben. Was war das für ein Leben! Wir konnten kommen und gehen wann wir wollten, haben bis weit nach Mitternacht gearbeitet und unser Chef war unser bester Freund. Wir haben zusammen Bier und Kaffe getrunken, geraucht und in der Halle nebenan ein privates Kino mit Tom und Leo veranstaltet.
Alles war einfach, nichts kompliziert.
Und irgendwie, obwohl wir es gar nicht wollten, haben wir uns ineinander verliebt!
Wir haben Tag und Nacht zusammen verbracht, gelacht, geliebt und so richtig gelebt.
Was war das für ein Leben, die beste Zeit zu zweit, nur du und ich.

Aber irgendwie war ich nicht ganz zufrieden.

Nachdem mein Job aufgrund der Firmeninsolvenz gekündigt wurde, habe ich eine andere Anstellung angenommen. Die Arbeit als Programmierer hat mir zwar Spaß gemacht, aber fast jedes Mal am Abend war ich total seltsam, verstimmt, missmutig und so richtig unfair zu dir. Das hattest du nicht verdient!

Doch du hast zu mir gehalten, wie ein Fels in der Brandung. Du hast meine Launen ertragen und mir Mut gemacht, meinen eigenen Weg zu gehen.
Das habe ich getan. Ich habe mich selbstständig gemacht und meine eigene Firma gegründet.
Ich habe mal wenig, mal richtig viel Geld verdient, aber zufrieden war ich immer noch nicht, wie die kleine Raupe Nimmersatt.
Es ging nicht ums Geld, es ging um etwas viel Wichtigeres. Es ging darum, was ich hier tue. Für wen ich es tue, wozu, weshalb, warum. Ich konnte keine Antworten finden, ist fühlte mich wie ein ächzendes Rädchen in einem gut geschmierten Getriebe Namens Freier Marktwirtschaft.
Ich erkannte den Sinn meiner Arbeit nicht, für andere Menschen etwas zu erschaffen, das sie gar nicht benötigen um glücklich zu sein, sondern nur um sich reicher und andere ärmer zu machen. Und ich wollte, dass jeder glücklich ist.

Also hat eine weniger einfache Zeit begonnen, mit viele Tränen, mit Streit und mit Schuld und mit Kränkungen.
Wir hätten es so einfach haben können, aber wir haben uns für den schwierigen Weg entschieden.
Wir wollten nicht verstehen, dass Menschen zusammen auf diesem Planeten leben können, ohne seinen Nachbarn zu kennen, oder zu wissen ob er noch lebt. Wir haben die Ungerechtigkeiten auf der Welt nicht ertragen und erkannt, wie leicht manipulierbar Menschen sein können.
Das hat uns regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen.

Es war ein langer, steiniger Weg, den wir uns selbst ausgesucht hatten, und für den wir, nur wir, die Verantwortung tragen.
Wir haben begonnen, alles zu hinterfragen. Und mit jeder neuen Erkenntnis kam ein erneuter Schlag in unsere Magengrube. Denn wir hatten das Schlechte auf der Welt gesehen, das so viele Menschen jeden Tag ausblenden, wenn sie auf ihr Smartphone starren, während sie am Weg zur Arbeitsbeschäftigungstherapie in der U-Bahn sitzen.

Jetzt waren wir ganz unten am Boden angekommen.

Und von hier unten hat man eine ganz andere Sicht auf die Dinge.

Als wir begannen, uns gegenseitig wieder aufzubauen, erwarteten wir plötzlich unser erstes Kind! Ein Mädchen. Lina sollte sie heißen, das war ziemlich schnell klar.
Das war alles so aufregend, wir hatten ja gar keine Ahnung von Kindern. Also informierten wir uns erst mal, was man so alles können muss, wenn man Kinder hat. Wir stellten fest: Niemand hatte so richtig Ahnung. Also begannen wir, unsere eigene Meinung zu bilden, und die war doch sehr unterschiedlich zu vielen anderen geläufigen.

Jetzt musste aber unbedingt eine größere Wohnung her, denn in der 35-Quadratmeter-Altbauwohnung direkt unter dem Dach war es zu laut, zu heiß und zu eng für eine kleine Familie. Wir haben uns vergrößert. Zwei Autos, eine zweistöckige Genossenschaftswohnung am Stadtrand.
Und natürlich haben wir nicht mehr geraucht.

War das eine Verantwortung, obwohl das Baby noch gar nicht da war!

Wir wollten alles perfekt machen. Wie man das eben so macht, wenn man eine Familie gründet.

Und dann war Lina da! Sie hat unser Leben komplett auf den Kopf gestellt. Wir waren einfach nicht vorbereitet auf so ein süßes Geschöpf, das aus Liebe entstanden und aus deinem Schoß gekrabbelt war. Ich habe Lina als erster gehalten, sie hat lange und laut geschrien, und ich war völlig überfordert, hatte fast ein bisschen Angst. Ich wusste nicht, was ich tun soll!
Sie hat sich dann doch beruhigt und die Nähe genossen. Lina wollte tagelang nur mit uns kuscheln. Keine Sekunde ohne Körperkontakt sollte verstreichen.
Wir waren durchflutet mit Liebe, zufrieden, bestätigt. Unser Leben hatte einen Sinn.

Mit jeder Woche die verging, veränderte sich unsere Einstellung weiter. Wir hinterfragten wirklich alles. In welche Schule soll unser Kind mal gehen? Bestimmt keine staatliche. Oder vielleicht gar keine? Wir begannen uns vegan zu ernähren und entdeckten das volle Potential unserer Empathie. Wir rauchten nicht mehr, wir tranken keinen Alkohol mehr, wir ließen Industriezucker weg, und so ging es immer weiter.

Irgendwann hinterfragten wir auch das westliche Familienbild und die Erwartungen, die von außen an eine junge Familie gestellt werden.
Und irgendwie waren wir mittlerweile in unserem eigenen Haus gelandet, das wir gekauft, renoviert und vergrößert hatten.

Nach Theodor, unserem zweiten Kind kam Aurélie, und wir waren mittlerweile komische Hippies, Aliens, die Leute schauten uns teils verwundert und teils ungläubig an.
Das passiert, wenn Kinder ohne Schuhe auf der Straße laufen, oder wenn sie den ganzen Tag Hund spielen und nackt mit angelegter Leine rumlaufen.
Aber es störte uns nicht. Wir waren, wie wir waren, und das erkannten wir langsam.
Mit drei kleinen blonden süßen Kindern.
Ich liebe sie über alles!

Nicht wir mussten uns der Welt anpassen, die Welt um uns herum veränderte sich.
Oder einfach nur unsere Sicht auf die Dinge.

Jetzt war die Entscheidung getroffen, nach vielen Plänen von Auswandern über ein Ökodorf bis zum Reisebus-Wohnmobil, das schon fast fertig war. Wir haben alles verworfen, das Auto verkauft, das Haus vermietet, unsere ganzen Sachen verkauft und verschenkt. Wir haben teils viel Geld verloren, aber so viel mehr an Fülle empfangen, auf ganz anderen Ebenen. Und wir wussten jetzt endlich, was wir wollten: Reisen, frei sein und unser Leben leben.
Ohne Konventionen, ohne Zwänge und ohne Rechtfertigungen.

Ich bin jetzt hier, hier mit dir und den Kindern, irgendwo in Indonesien, und wir haben unser Ziel erreicht.
Wir sind frei! Und wir alle können uns so entfalten, wie wir uns das seit Jahren gewünscht hatten.
Wir können frei leben, frei lernen, frei reisen und uns absolut frei fühlen.
Und es ist ein unglaublich schönes Gefühl!

Liebe Bianca, was ich dir sagen will ist ein Wort:

Danke!

Danke, dass du immer da bist.
Danke, dass du mich immer, zu jeder Zeit, in jeder Situation ertragen hast, und es noch immer tust.
Danke, dass du mich wachgerüttelt und mir schönere Wege gezeigt hast.
Danke, dass du unsere Kinder die ganze Nacht spazieren getragen hast, bis sie sich wieder zufrieden an uns gekuschelt haben.
Danke, dass du dich engagierst und dass du unsere Kinder mit solch einem bewundernswerten tiefen Respekt begegnest.
Danke, dass du bei mir bist!

Ich liebe dich, für immer und ewig.
Du bist der Grund,
du bist der Sinn,
du bist die Mutter Erde, die Leben schenkt,
die selbstlos vergibt, die gütig ist und lebt.

Ich will nur mit dir diesen Planeten genießen, mitsamt unseren Kindern und all den lieben Menschen, die wir auf unserem Weg ins Herz geschlossen haben.
Lass uns die Welt gemeinsam zu einem schönen Ort machen, für uns selbst, für unsere Kinder, für unsere Freunde und für alle die uns in Liebe begegnen.

Es gibt kein Wort mehr, es gibt nur noch ein Gefühl:
Dankbarkeit.

In Liebe,
Dein Gerald

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  • Wer ist die Road Family?

    Wir sind eine ganz normale Familie mit drei kleinen Kindern. Und wir haben beschlossen, zu reisen. Das ist kein Urlaub, sondern unser Leben. Unsere Kinder werden ​nicht zur Schule​ gehen, wir ernähren uns ​vegan​, und praktizieren aktiv Konsumverzicht​ so gut es geht. Auf unserer Reise werden wir mit unzähligen Menschen sprechen und planen später Coaching und Veranstaltungen anzubieten.

    Warum?
    Genau diese Frage ist Teil der Antwort.
    Wir wollen Menschen inspirieren​, alles was sie denken zu sein, was sie täglich tun, denken und sagen zu hinterfragen. Warum gibt es Tonnen an Plastik im Meer? Warum gehen wir alle 4 Jahre wählen und es ändert sich doch nichts? Warum kaufe ich so viele Dinge, die ich gar nicht brauche? Warum macht mich das nicht glücklich? Warum sperren sich so viele Menschen nach ihrer Arbeit am Abend alleine in ihrer Wohnung ein und setzen sich vor den Fernseher bis sie einschlafen, getrennt durch Mauern und Türen, jeder getrennt und für sich? Warum freuen sie sich in der Arbeit auf ihre Freizeit, das “richtige Leben”, wenn sie es dann nicht leben?

    Wir haben erkannt, dass wir nicht alleine sind mit diesen Gedanken. Sehr viele Menschen stellen sich diese Fragen und wir versuchen gemeinsam Auswege zu finden. Vor allem haben wir erkannt, dass es total falsch ist zu glauben, dass ich als einzelner, kleiner Mensch auf dieser großen Welt nicht verändern kann. Wir zeigen einen möglichen Weg!

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4 Gedanken zu „Ich muss dir was sagen

  1. So schön, Gerald! Was für ein Geschenk an Bianca… „Zeit mit geliebten Menschen verbringen“ – genau das ist Freiheit!

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