Lernen ohne Schule

Die Frage, die uns am zweithäufigsten gestellt wird ist: Wie macht ihr das mit den Kindern und der Schule, wenn ihr unterwegs seid?

Die Antwort ist ziemlich simpel, wenn auch für Unschooling-Neulinge unbedingt erklärungsbedürftig. Unsere Kinder gehen einfach nicht zur Schule. Und wir unterrichten sie auch nicht selbst. Niemand unterrichtet sie – oder besser gesagt – jeder und alles unterrichtet sie. Und dies ist auch ein ganz wichtiger Schlüssel zu wahrer Freiheit und echtem Glück.

Wie und warum das funktioniert, können beispielsweise Hirnforscher wie Gerald Hüther gut erklären. Auch André Stern, ein Französisches Kind, das mittlerweile über 40 Jahre alt ist und niemals eine Schule besucht hat, nebenbei drei Sprachen spricht und Gitarren baut, widmet sich diesem Thema voller Leidenschaft.

Wie lernen wir

Ich möchte dir anhand einer kleinen Geschichte versuchen zu vermitteln, wie unsere Kinder lernen. Das funktioniert seit ihrer Geburt – und wird auch ihr ganzes Leben lang weiterhin genau so funktionieren. Übrigens funktioniert das bei dir und mir auch.

Stell dir vor, du kommst auf die Welt und kannst fast nichts. Bis auf ein paar überlebenswichtige Instinkte wurde dir nichts gegeben, was wir „zivilisierte Menschen“ als selbstverständlich erachten. Aber du bist mit einem perfekten Werkzeug ausgestattet: deinem Gehirn.
Irgendwann bemerkst du ganz zufällig, dass du mit deiner Kehle Laute hervorbringen kannst. Nur um kurz darauf festzustellen, dass das alle Menschen um dich herum auch permanent tun! Voller Interesse lauschst du deshalb den verschiedenen Klängen, den unterschiedlichen Höhen und Tiefen, den Klick- und Zischlauten dazwischen. Du bist total begeistert von dem was du hörst und beschließt: Das will ich auch machen! Also probierst du. Zuerst sind deine Ergebnisse nicht besonders einladend. Doch nach ein paar Wochen kannst du bereits richtig schöne Vokale formen. Jetzt macht es dir erst so richtig Spaß! Du beobachtest, wie deine Umgebung auf deine Laute und Geräusche reagiert. Wie deine Mama dich anlächelt und dein Papa deine selbst geformten Vokale immer wieder nachmacht. Wow! Das gibts ja nicht, du kannst tatsächlich plaudern. Das ist jetzt keine tiefgreifende Unterhaltung, aber ein Austausch, der zu hundert Prozent auf Gefühlsebene funktioniert und deshalb mindestens so tiefgreifend ist wie eine gepflegte Diskussion.
Neben vielen anderen Dingen und ein paar Monate später hast du deinen Lernprozess bereits perfektioniert. Du hast gelernt, einfache Wörter zu sprechen und so deine Wünsche und Bedürfnisse zu artikulieren. Davon machst du natürlich auch ausgiebig Gebraucht. Immer komplexere Verbindungen werden in deinem Gehirn geschaffen, du lernst irgendwann zu abstrahieren, dir Dinge vorzustellen. Und so geht das Lernen weiter – und es hört niemals auf. Selbst wenn du deine Muttersprache gut beherrschst, gibt es immer noch Dinge, die du lernen kannst. So lange sie dich interessieren.

Die Hirnforschung hat erkannt, dass Lernen nur im Zustand der Begeisterung funktioniert. Du kennst das: Wenn dich etwas brennend interessiert, musst du es nicht „lernen“, es bleibt von ganz alleine in deiner Erinnerung haften. Mit dem Wissen wird nun immer klarer, warum Schule in konventioneller Form gar nicht funktionieren kann. Es wurde lediglich verabsäumt, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte in die Praxis umzusetzen, sonst würde es heute wohl keine Bildungseinrichtungen mehr geben, in denen unmotivierte gleichaltrige Menschen sitzen, die sich viel lieber bewegen würden, anstatt zum wiederholten Male Sätze auswendig zu lernen, die sie zwei Tage nach der Prüfung wieder vergessen haben.

malen

Aber

Jetzt gibt es zum Thema Freilernen (auch Unschooling) natürlich viele „Aber“’s. Ich versuche mal, eine chronologische Liste der typischen Einwände anzuführen. Dass ein Aber eine Form von Angst ist, haben wir ja bereits in anderen Artikeln beschrieben, dennoch sollte man Ängste ernst nehmen

1. Aber die Kinder knüpfen in der Schule doch ihre sozialen Kontakte.
Das kommt darauf an, was man unter „sozialen Kontakten“ versteht. Ich vergleiche das gerne mit Tieren im Zoo. Unter den gegebenen Umständen holen sie eben das Beste heraus, was da sozial noch möglich ist. Immerhin dürfen Schulkinder während des Unterrichts nicht aufstehen. Oder miteinander sprechen. Oder auf die Toilette gehen, ohne zu fragen. Natürlich findet man unter psychischem Zwang leichter Gleichgesinnte, die das eigene Schicksal teilen und einen deswegen auch so gut verstehen. Nicht umsonst brechen viele einstig sehr gute Freundschaften nach dem Ende der Schulzeit einfach ab.
Wir möchten unseren Kindern lieber echte soziale Kontakte, in einer dauerhaft zwanglosen Umgebung ermöglichen. Das Reisen bietet in dieser Hinsicht viele Möglichkeiten, auch wenn viele Freundschaften dann ortsbedingt auf die Online-Kommunikation verlagert werden müssen – oder vielleicht sogar tatsächlich abbrechen. Aber das sind dann wenigstens echte Beziehungen gewesen, ein echtes Kennenlernen, ein echtes Verabschieden, ohne die Angst im Nacken, dass jederzeit wieder die Pausenglocke ertönen kann.

2. Aber die Kinder lernen dann ja nicht vernünftig Lesen und Schreiben, Mathematik, Geschichte…
Das Schöne am Freilernen ist, dass es keinen Zwang gibt. Es gibt keine Notwendigkeit, Lesen und Schreiben genau im Alter von 6 Jahren zu erlernen. Unsere Kids können lernen wann sie wollen, und es lassen, wenn sie keine Lust dazu haben. Irgendwann werden sie lesen und schreiben wollen oder müssen, weil sie dann zum Beispiel auch den Text in den Sprechblasen der Comics verstehen wollen. Und Interesse ist, wie schon bemerkt, die absolute Voraussetzung, etwas überhaupt wahrhaftig lernen zu können. Alles andere ist Konditionierung. Wenn die Kinder kein Interesse an Geschichte oder Geographie haben, was macht das schon? Wer kann sich anmaßen, Wissen und Können für alle Menschen gleich bewerten zu können? Wenn sie es brauchen, werden sie es auch lernen. Die Voraussetzungen dazu haben sie: Ein Gehirn.

3. Aber bekommt ihr da nicht Probleme mit dem Staat?
Vielleicht. Das ist uns aber ehrlich gesagt ziemlich egal. Im deutschsprachigen Freilerner-Netzwerk gibt es Familien, in denen die Eltern für ihre Kinder sogar ins Gefängnis gehen, weil sie die Geldstrafe einfach nicht hinnehmen. Dabei tun sie nichts Falsches. Sie möchten nur das Beste für ihre Kinder, und das steht leider konträr zu den derzeitigen Gesetzen.

Eigene Erfahrungen

Ich war „schlecht“ in der Schule. Ein Intelligenztest hat ergeben, dass ich mich in der Schule oft unterfordert gefühlt habe. Ich war faul, habe Hausaufgaben verschmäht und musste zwei Klassen der Oberstufe wiederholen. Irgendwann habe ich dann trotzdem die Matura (Abitur) geschafft.

Die Zeit zu Hause habe ich lieber anders genutzt als Hausaufgaben zu machen: Ich habe musiziert oder mir das Programmieren beigebracht. Bis letztes Jahr hatte ich ein eigenes Unternehmen mit zufriedenstellenden Umsätzen, das Programmierung, Grafik- und Webdesign angeboten hat. Eigentlich habe ich also keine Schule für meinen späteren Beruf gebraucht, sondern ich habe stets das verfolgt, was mir Spaß macht. Daran ist nichts verkehrt und damit kann man tatsächlich Geld verdienen.

Ich möchte betonen, dass es auch Kinder gibt, die wirklich gerne zur Schule gehen, die einen durchstrukturierten, vorgegebenen Ablauf und exakte Anleitungen schätzen und brauchen. Unschooling ist nicht für jeden geeignet – aber für die meisten. Denn Kinder kommen mit einer angeborenen Neugier auf die Welt, die sie völlig automatisch das lernen lässt, was ihnen Spaß macht und sie interessiert. Wenn man die Begeisterung, Erfüllung und Freude seiner Kinder erhalten möchte, ist Freilernen eine ideale Möglichkeit.

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  • Wer ist die Road Family?

    Wir sind eine ganz normale Familie mit drei kleinen Kindern. Und wir haben beschlossen, zu reisen. Das ist kein Urlaub, sondern unser Leben. Unsere Kinder werden ​nicht zur Schule​ gehen, wir ernähren uns ​vegan​, und praktizieren aktiv Konsumverzicht​ so gut es geht. Auf unserer Reise werden wir mit unzähligen Menschen sprechen und planen später Coaching und Veranstaltungen anzubieten.

    Warum?
    Genau diese Frage ist Teil der Antwort.
    Wir wollen Menschen inspirieren​, alles was sie denken zu sein, was sie täglich tun, denken und sagen zu hinterfragen. Warum gibt es Tonnen an Plastik im Meer? Warum gehen wir alle 4 Jahre wählen und es ändert sich doch nichts? Warum kaufe ich so viele Dinge, die ich gar nicht brauche? Warum macht mich das nicht glücklich? Warum sperren sich so viele Menschen nach ihrer Arbeit am Abend alleine in ihrer Wohnung ein und setzen sich vor den Fernseher bis sie einschlafen, getrennt durch Mauern und Türen, jeder getrennt und für sich? Warum freuen sie sich in der Arbeit auf ihre Freizeit, das “richtige Leben”, wenn sie es dann nicht leben?

    Wir haben erkannt, dass wir nicht alleine sind mit diesen Gedanken. Sehr viele Menschen stellen sich diese Fragen und wir versuchen gemeinsam Auswege zu finden. Vor allem haben wir erkannt, dass es total falsch ist zu glauben, dass ich als einzelner, kleiner Mensch auf dieser großen Welt nicht verändern kann. Wir zeigen einen möglichen Weg!

    Mehr über unsere Familie

13 Gedanken zu „Lernen ohne Schule

  1. Ich dachte auch bei hausunterricht muss eine jährliche Prüfung abgelegt werden. In Österreich gibt es zwar keine Schulpflicht aber eine Bildungspflicht.
    Was macht ihr wenn sich eure große in 2 Jahren entscheidet dass sie lieber in eine Schule will?

  2. Wenn ich noch mal jünger wäre hätte ich das genauso gemacht…ich finde das super…denn Selbstbestimmung Selbstentscheidung und Selbsterkenntnisse sind der wichtigste Inhalt der kleinsten Zelle -Familie. Sie ist der Grunderhalt in der Menschenwürde…um als Human richtig und gesund zu reifen. Gäbe es nur mehr solcher Menschen wie euch, die alles hinterfragen so wie wir…

    Anton von FSÖ e.V.

  3. Ich bin zufällig über den Blog gestolpert und finde es unverantwortlich, so mit seinen Kindern umzugehen – damit verbaut ihr ihnen ggfs. den Lebensweg. Was, wenn sie mal studieren wollen? Ihr zwingt ihnen eure Meinung – ähnlich wie einer Religion die ihr vertretet – auf.

    • Lieber Franz!
      Was wir machen hat nichts mit Zwang zu tun. Im Gegenteil: Wir stellen unseren Kindern frei, wann sie wie wo was lernen. Was wir dadurch bewirken ist, ihre Begeisterungs-Fähigkeit zu bewahren.
      Wie begeistert warst du denn in der Schule?
      Der Sohn einer befreundeten Freilernerfamilie wollte tatsächlich studieren. Er hatte das Abitur nach 9 Monaten Lernen bestanden.
      Wir sehen es nicht als Beschneidung von Chancen, sondern als Bereicherung.
      Wenn wir unsere Kinder in die Schule zwingen, ist ihr Leben bereits vorgegeben: Schule, Job, Arbeiten bis 65 und dann bloß keine Rente beziehen.
      Unsere Kinder haben zu jeder Zeit die freie Wahl: Wenn sie einen „Job“ machen wollen, können sie!
      Wenn sie Medizin studieren wollen, können sie!
      Die meisten Freilerner entscheiden sich aber tatsächlich dazu, das zu tun, was sie wirklich lieben, anstatt zu tun was sie denken, dass ihr Umfeld von ihnen verlangt.
      Liebe Franz, es ist okay, wenn du damit nichts anfangen kannst, viele Menschen haben damit ein Problem. Und das liegt nicht zuletzt an eben dem System, durch das wir alle gegangen sind.
      Alles Liebe aus Chiang Mai,
      Gerald

    • Hi liebe Sophia!
      Danke, das ehrt uns…
      Rede doch mal mit deinen Eltern! Ich bin sicher, sie wollen für dich genauso das Beste wie wir für unsere Kinder.
      Fast alle Menschen handeln nach bestem Wissen und Gewissen. Viele wissen einfach nichts über Alternativen.
      Manche handeln aber auch so, dass sie einfach nur ihre Komfort-Zone nicht verlassen müssen.
      Alles Liebe dir und schöne Grüße aus Thailand,
      Gerald

  4. Hallo 😊Bin zufällig über eure Seite gestolpert…. irgendwie halt ich euch für komplett durchgeknallt und absolut bewundernswert…. wahrscheinlich beneide ich euch auch ganz arg um diese grenzenlose Freiheit für die man in meinen Augen schon ganz arg viel Mut benötigt! Im Endeffekt lebt ihr genau das Leben von dem viele Menschen träumen! Hut ab!

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